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Severance ist so krass gut, dass ich bei meinen GoodReads Eintragungen nach hinten gescrollt habe, um zu schauen, wann ich das letzte Mal so etwas Gutes gelesen habe. Ich fürchte, lassen wir mal Rereads von Stephen King und GRRM weg, dann lande ich bei den Romanen von Sarah Langan und Stephen Markley, dazwischen war sonst nichts von dieser Qualität.
Severance bietet so viel, auch subtil, wie nebenbei. Der Weltenbau ist durchaus interessant. Die Shen Grippe (ein Pilz, den man einatmet) breitet sich offenbar in kälteren Ländern weniger schnell aus. Länder wie Finnland haben (vermutlich) noch eine Art Zivilisation, die USA nicht mehr. Wobei das Internet inzwischen down ist, so dass man nicht so genau weiß, was woanders los ist. Die Erzählerin Candance hat auch eine interessante Vergangenheit, manchmal lassen mich Detail-Informationen kaum mehr los. Ihre Eltern sind in die USA migriert, als sie vier war, dann war sie zwei Jahre lang bei Verwandten in China und erst als sie sechs war, holten sie sie nach. Die zwei Jahre zwischen vier und sechs einfach auslassen als Eltern? Ich liege lesend neben meinem Fünfjährigen und kann's mir kaum vorstellen. Was die Leute so auf sich nehmen! Krass! Wie das wohl war? Für die Eltern, für das Kind? Völlig unvorstellbar!
Sie schreibt nichts weiter darüber, es bleibt eine Leerstelle und ich bin nur so Wow, weil ich das sofort fülle, viel mehr und besser, als sie es je für mich gekonnt hätte.
Ihre kulturelle Gespaltenheit wird auch sehr deutlich, als sie für einen Job nach Hongkong reist und ein Geschäftspartner darauf besteht, mit ihr Mandarin zu sprechen. Sie hat jedoch in Mandarin den Wortschatz einer Sechsjährigen. Das will sie nicht zeigen, sie manövriert sich durch das Gespräch, ihr fallen bestimmte Begriffe nicht ein, sie weicht geschickt auf andere aus oder verwendet welche, die er bereits verwendet hat (ihr passives Mandarin ist umfangreicher als das, was ihr aktiv einfällt).
Die Mutter von Candance ist an Alzheimer gestorben und die Fleckchen Informationen, die ich dazu bekomme, sind schon arg tragisch und sehr gut geschrieben. Auch durch das Weglassen der Gefühle, die sie dabei hat.
Strukturell ist das Buch ebenfalls interessant, auf der Gegenwartslinie liegt der Zusammenbruch der Zivilisation und Candances Zeit alleine in New York (Manhattan) schon in der Vergangenheit. Dennoch gibt es andere Zeitstränge, die tiefere Vergangenheit, ihre Kindheit, ihre Anfangszeit in NY vor fünf Jahren, der Beginn der Pandemie.
In der Gegenwartszeit kommen sie irgendwann in einen Haushalt, in dem alle vier Familienmitglieder den Pilz haben, die Krankheit, und schon sehr sehr lange ihren Routinen folgen. Die Symptome der Krankheit werden plastisch lebendig, während diese vorher nur zusammenfassend und selten "on stage" gezeigt wurden. Ein Detail ist, dass die erkrankten Menschen eingefahrenen Alltagsbeschäftigungen folgen, oft mehrmals hintereinander, oder diese imitieren.
Die Mutter (laut Türschild Mrs Grower) deckt immer wieder den Tisch, ihr Mann und eines der Kinder isst, sie lecken die Teller ab, Mrs Grover räumt ab, deckt erneut den Tisch.
The Grovers were having dinner once more, the second of dozens of dinners they would have that night.
[...]
But surprisingly, the routines don't necessarily repeat in the identical manner. If you paid a little attention, you would see variations. Like the order in which seh set down the dishes. Or how sometimes she'd go around the table clockwise, other times counterclockwise.
The variations were what got me.
Sie findet das kleine Mädchen alleine, getrennt vom Rest, in ihrem Zimmer, wie sie immer wieder von verschimmeltem Orangensaft nippt. Da sie weiß, dass ihre Gefährt*innen am Ende alle vier töten werden, versteckt sie das Mädchen, aber es wird entdeckt und auch an den Esstisch gebracht. Und ihre Gefährten verlangen von ihr, dass sie das Mädchen erschießt. Sie schießt aber fürchterlich schlecht.
The fourth shot hit her in the arm, at which point she registered something. Her eyes widened and she started to get up. The fifth shot hit her in the stomach, and the ensuing cries were weak little bays, attempts at protesting more than actual pleeding.
At this point, everyone was beginning to get impatient.
[...]
She was probably obediently dead by now, but still I was shooting.
Es nimmt einen schon sehr mit. Richtig gruselig, extrem guter Horror, wird es aber erst ein paar Kapitel später, als sie in das Haus einer ihrer Gefährtinnen eindringen, weil dort Haschisch unter dem Bett ist. Die Tochter (Ashley) des Hauses gehört zu ihrer Gruppe. Aber als Ashley in ihrem alten Zimmer ist, infiziert sie sich offenbar und zieht sich immer wieder alte Kleider von sich an, postiert vor dem Spiegel, ist nicht mehr ansprechbar.
Es zeigt auch: Offenbar sind sie nicht immun, haben sich nur bisher nicht infiziert, eher zufällig nicht. Es kann sie noch immer erwischen. Und wir wissen ja, was aus ihr wird. Was aus ihnen wird, ist auch irgendwie gruseliger, weil es ja keine klaren Zombies sind, auch keine Leichen, aber so richtig lebendig sind sie auch nicht mehr. Es wäre jetzt naheliegend, eine Brücke zu Alzheimer zu schlagen. Damit hat es irgendwie Ähnlichkeit und würde man jemanden, der an Alzheimer erkrankt ist, sich selbst überlassen, würden sie vermutlich so enden, in alten Routinen, abgemagert, sterbend. Allerdings kann man Menschen mit Alzheimer füttern und sie versorgen, ich habe den Eindruck, das ist hier nicht wirklich möglich. Oder jedenfalls wahrscheinlich nicht.
Als Gesamtwerk geht es in dem Roman sicherlich nur vordergründig um die Pandemie, die Grippe und den Zusammenbruch der Zivilisation. Mehrere Textstellen legen nahe, dass es viel mit Kapitalismus, Immigration und ggf. sogar Sexismus zu tun hat, mit "jeden Tag dasselbe machen", mechanisch leben, was durchaus bereits vor Ausbruch der Grippe ein Thema in Candances Leben ist. Was will ich eigentlich im Leben? Jeden Tag mechanisch dasselbe tun, wie jemand, der an Shen Fever leidet? Das wird's vermutlich nicht sein. Was also stattdessen?
Ich kann mir sogar vorstellen, dass es in dem Roman größtenteils um Fremdbestimmung versus Selbstbestimmung geht. Das Ziel wäre Selbstbestimmung. Doch in welchem Ausmaß ist das in unserer Welt möglich? Und was ändert sich, bräche die Welt zusammen?
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