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Whalefall - im Wal gefangen von Daniel Kraus, übersetzt von Claudia Rapp

Großartig übersetzt!

Endlich auf Deutsch! 2023 hatte ich das auf Englisch gelesen, schon recht begeistert, aber auch teilweise etwas "lost im Walmagen", da schon sehr spezifische Tiere und Details beschrieben werden, mit denen ich weniger vertraut bin, ganz zu schweigen von all den Fachbegriffen rund ums Thema Tauchen.

 

Kraus macht das durchaus plastisch und beschreibt das spannend, auf Deutsch liest sich ein derartiges Buch dann doch sehr viel zugänglicher, selbst für Personen, die sonst viel auf Englisch sprechen.

Übersetzerin Rapp hat die Aufgabe, komplexe Beschreibungen (was Jay wie im Magen des Wals tut und warum) ins Deutsch zu übertragen, mit Bravour geleistet, was meinen Lesespaß auf Deutsch noch mal deutlich gesteigert hat. 

Worum geht es?

Nach dem expliziten Lob für die Übersetzung - worum geht es in dem Buch?

 

Jay, siebzehn Jahre alt, taucht im Pazifik nach den Überresten seines Vater Mitt. Seine Mutter, seine Schwestern und er mussten die Beerdigung ohne seine Überreste abhalten, da Mitt sich für einen Selbstmord im Ozean entschieden hatte und nichts von seinem Körper bisher gefunden wurde.

Jay scheint damit so eine Art Abbitte leisten zu wollen. Er hat Mitt seinen letzten Wunsch verwehrt: Er hat sich beim sterbenden Vater nicht zwecks Aussöhnung vorgestellt. Nach einem Vorfall auf See vor etwas mehr als einem Jahr ist Jay ausgezogen, mitten in der Pandemie, und hat seinen Vater seither nicht mehr gesehen.

Vater Mitt wurde krank, Krebs, lag im Sterben und kürzte seinen Leidensweg am Ende auf selbstgewählte Weise ab.

 

Das Verhältnis von Jay und Mitt ist sehr komplex und durchaus ambivalent. An vielen Stellen neige ich mal mehr zur einen, mal zur anderen Person. Es liegt wohl ziemlich auf der Hand, dass der Wal, der Jay circa nach einem Drittel Roman versehentlich verschluckt, für seinen Vater steht (jedenfalls für Jay). 

Nach dem zweiten Lesen habe ich da viel herausgelesen, wie Jay diese Beziehung verarbeitet. (Beim ersten Lesen wollte ich nur wissen, wie Jay denn nun wieder aus dem Wal herauskommt.)

 

Es gibt also in dem Roman zwei Ebenen, die beide für sich genommen schon ganz schön sind, aber perfekt zusammenspielen:

Wie kommt Jay mit seinem verstorbenen Vater ins Reine?

Wie kommt Jay aus dem Wal?

 

Das beides dann ähnliche Entwicklungen durchläuft, ist sehr gut miteinander verwoben und verknüpft und auch spannend, auch wenn beim ersten Lesen letzteres für mich dringlicher war, da Jay ja schließlich der Sauerstoff allmählich ausgeht und er für das Aufarbeiten seiner Beziehung ggf. ja noch etwas mehr Zeit hätte. Vermutlich ist das aber zu kurz gedacht: Beide Probleme sind für Jay gleich dringlich.

Tolle Stellen, Genre, Stil

Ich bin sehr nah bei Jay, sehr nah. Ich kenne nur seine Sicht, kann anhand seiner Gedanken nur raten, wie Außenstehende ihn, Mitt, oder ihr Verhältnis zueinander beurteilen. Alle anderen sind nur Nebenfiguren. 
Die Konflikte spielen sich nur zwischen Jay, Mitt und dem Wal ab. 

 

Der Roman hat zwei Zeitebenen, einmal in der Gegenwart, als Jay nach den Gebeinen taucht und einmal rückblickend, durchaus nicht chronologisch, mehr oder minder seit Jays Geburt im Jahre 2005 bis 2022.

Das ist außerdem einer der wenigen Romane der neueren Zeit, die die Pandemie im Vorbeigehen realistisch mit einpackt, ohne diese zu einem Kernthema zu machen (ein anderes gutes Beispiel wäre Scalzis Die Gesellschaft zur Erhaltung der Kaiju-Monster).

 

Kraus macht sehr deutlich, dass er viele Parallelen zwischen dem Wal und Mitt sieht, wie zum Beispiel hier:

"Mitt Gardiner hat ihn immer bei lebendigem Leibe verschlungen."

 

Es wird angedeutet, dass Jay nicht ganz hetero ist, aber zu Zeiten der Pandemie spielte Romantik für ihn sowieso keine Rolle. 

 

Auch das Innere der Mägen und des Mauls ist so eindringlich und toll beschrieben, ich habe eigentlich eher den Eindruck, einen realistischen Roman gelesen zu haben. Wobei man auch durchaus eine phantastische Komponente darin sehen könnte, die dann aber in der Kommunikation von Jay mit dem Wal liegt. Das aber ließe sich auch für mich wieder anderes erklären, so möchte ich mich gar nicht auf ein Genre festlegen lassen.

Inspiration

Die Danksagung ist auch interessant, weil der Autor da angibt, woher seine Inspiration kam. Offenbar war am 11. Juni 2021 mal ein Hummertaucher, Michael Packard, dreißig Sekunden lang im Maul eines Buckelwals gefangen.

 

Wäre es also möglich, fragte sich der Autor, dass ein Wal einen Menschen verschluckt? Und wenn ja, wie?

 

Die Kehlen der meisten Wale sind zu eng. Nur ein Pottwal hat eine ausreichend breite Kehle, um einen (dünnen) Taucher zu verschlingen. Da er keine Menschen isst, brauchte es einen weiteren Zufall (Jay hat sich in einem Tintenfisch verfangen, den der Wal essen möchte), um Jay in den (bzw. die) Walmägen zu verfrachten.